Die Rokoko-Vitrine aus dem Neustrelitzer Schloss
Wie ein Möbelstück aus dem Residenzschloss die NS-Zeit, eine Versteigerung und Jahrzehnte in fremden Händen überstand — und heute nur wenige Hundert Meter von seinem Ursprung entfernt steht.
Im Frühjahr 2023 ersteigert Frank Rieckhoff in Berlin eine Vitrine, die ihn seither nicht mehr loslässt: ein Rokoko-Stück aus dem einstigen Residenzschloss Neustrelitz. Zum Osterfest zeigt er sie in seiner Antikdiele in der Töpferstraße — und mit ihr eine Geschichte, die tief in die eigene Stadtgeschichte reicht.
Ein Schloss, das es nicht mehr gibt
Von 1726 bis 1731 ließ Herzogin Dorothea Sophie das Residenzschloss nach Plänen des Architekten Julius Löwe errichten — barock, dreiflügelig, mit offenem Ehrenhof. Fast zwei Jahrhunderte lang war es Hauptsitz der Herzöge und späteren Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz, mehrfach erweitert, zuletzt 1905–1909 um den charakteristischen, 51 Meter hohen Schlossturm.
Nach dem Ende der Monarchie 1918 wurde das Schloss verstaatlicht: Bis 1934 tagte hier der Landtag des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, ab 1921 zog das Landesmuseum ein, ab 1925 das Hauptarchiv. Diese zivile Nutzung endete 1935, als die Nationalsozialisten im Schloss die „Führerschule des Instituts für Leibesübungen” der Berliner Universität einrichteten — eine zentrale Ausbildungsstätte für Sportlehrer, Schulleiter und Schulaufsichtsbeamte im ganzen Reich. Für die neue Nutzung wurden Möbel und weiteres Inventar aus dem Schloss ausgelagert, ein Teil davon in die nahegelegene Parkvilla.
In der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945 brannte das Schloss ab — die genaue Ursache ist bis heute nicht restlos geklärt, vermutet werden Brandstiftung oder Kriegseinwirkung. Die Ruine wurde 1949 gesprengt und bis 1950 vollständig abgetragen. Heute markieren nur noch helle Kieselsteine den Grundriss; von den einstigen Prunkräumen ist nichts geblieben.
Die Spur führt zu einem Aufkleber
Mit der Auslagerung des Inventars war der vereidigte Sachverständige und Versteigerer Rudolf Funke betraut — über ihn gerieten zahlreiche Möbelstücke des Schlosses in neue Hände, darunter offenbar auch diese Vitrine.
Der Zufall wollte es, dass Frank Rieckhoff bereits rund zwanzig Jahre zuvor von Funkes Nachfahren eine Akte erhalten hatte, in der das Schlossinventar aufgelistet ist. Als er an der ersteigerten Vitrine einen Aufkleber mit Funkes Namen entdeckte, war die Herkunft für ihn kein Zufall mehr: „Insofern war mir der Name Funke sofort ein Begriff, als ich einen entsprechenden Aufkleber an der Vitrine entdeckte”, erzählte er dem Strelitzius Blog. „Leider ist die Akte etwas chaotisch, ich hatte bislang nicht die Zeit, darin die Vitrine aufzuspüren. Aber ihre Herkunft steht außer Frage.”
Zurück in Neustrelitz — und weiter ins Schlosshotel
Zunächst fand die Vitrine ihren Platz in der Antikdiele, flankiert von zeitgenössischer Malerei und Fotografie, gefüllt mit Porzellan. Inzwischen ist sie noch einmal umgezogen: Sie steht heute im Schlosshotel Neustrelitz, einem der wenigen Häuser der Stadt, in denen sich fürstliches Ambiente noch erleben lässt. Auch dort trägt Frank Rieckhoff eine Handschrift — einen großen Teil der Einrichtung hat die Antikdiele mitgestaltet.
Für Frank Rieckhoff ist eine Geschichte wie diese kein Nebenprodukt des Handels, sondern ein Grund, warum er ihn betreibt: Objekte bewahren, ihre Herkunft ernst nehmen und ihnen, wo es geht, einen würdigen Platz zurückgeben.
Quelle: Strelitzius Blog, 29. März 2023
Sie möchten das Schloss und seine Geschichte(n) selbst erkunden? Besuchen Sie uns in der Töpferstraße 3.